Donnerstag, 4. Oktober 2018

Zweibad-Negativentwicklung



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Die Zweibad-Entwicklung ist leichter, als gedacht. Die Badzusammensetzung zählt zu den einfachsten überhaupt.

Unbekannter Film? Alter Film? Temperaturschwankungen? Unterschiedliche Filme gleichzeitig entwickeln? Hohe Kontraste? Pushen ohne Ansteilen?
Das alles ist für Zweibad kein Problem. 


Ich werde aber hier zunächst etwas ausführlicher ausholen, da es dem Verständnis dienen soll. Den Sinn der Zweibadentwicklung versteht man erst, wenn man die Grundzüge der Einbadentwicklung verstanden hat....

Was kann Einbad?

Sicher kennt mancher die Weisheit: "Belichte auf die Schatten und entwickle auf die Lichter"Dieser Spruch stammt aus der Fineart- und Landschaftsfotografie mit Großformatkameras (u.a. Ansel Adams), wo man bei einer vorab ermittelten Filmempfindlichkeit die Belichtung in Zone I mit einer Dichte logD ~ 0,12 belegte, beziehungsweise dort fixierte. Die Kontraststeuerung wurde über die Entwicklungszeit vorgenommen. Bei den damaligen Entwicklern konnte man davon ausgehen, dass sich mit einer verlängerten Entwicklungszeit die Dichte bei Zone I kaum änderte.


Die Nachteile dieser Methode sind:

  • Spätestens mit dem breiten Einzug von Phenidon in Entwicklerrezepturen nimmt auch die Dichte in Zone I merklich zu, wenn man die Entwicklungszeit verlängert. 
  • Es kommt zu einer Zonenverschiebung bei höheren Zonen. Das ist für Landschaftsfotografie vernachlässigbar aber bei Portraits verschieben sich beispielsweise Hauttöne (üblicherweise Zone V-VI) und zwar je nachdem, ob ich eine Tonwertexpansion (N+ Entwicklungsverlängerung) oder -kompression (N- Entwicklungsverkürzung) vornehme, in niedrigere oder höhere Zonen. 

Aus diesem Grund hat sich eine andere Methode etabliert:
Die Schnappschussmethode.

Sämtliche moderne Film- und Entwicklerdaten sind darauf hin ausgelegt. Zone V bleibt konstant und man nimmt die Kontrastanpassung durch Unterbelichtung/Überentwicklung (N-/N+ = Push) oder Überbelichtung /Unterentwicklung (N+/N- = Pull) vor. Push geht in einem Einbadentwickler mit einem Ansteilen und Pull mit einem Abflachen der Dichtekurve einher.
Im Gegensatz zur klassischen Methode verändere ich also die ISO und die Entwicklungszeit. Das hat zudem den Vorteil, dass ich bei trübem Wetter (wenig Kontrastumfang) quasi automatisch mit der höheren Empfindlichkeit auch eine Tonwertspreizung bekomme und umgekehrt.
Leider hat sich eingebürgert, dass man pusht um des Pushens willen. Dabei wurde vergessen, dass ich in erster Linie eine Anpassung an den Szenenkontrast über die Entwicklung vornehme und nur deshalb die ISO auch verändere, um Zone V konstant zu halten!



Hier ist die Tabelle, die einen Überblick zur Kontrastanpassung nach dieser Schappschußmethode gibt., um den Szenenkontrast (von Zeichnung Schatten bis Zeichnung Lichter) links auf den optimalen Fimlkontrast zu expandieren oder zu komprimieren. Die Tabelle gilt für einen 100 ASA Film. Bei anderen Filmempfindlichkeiten muss man entsprechend verschieben/anpassen.



Im Prinzip sollte man diese Methode mit der Einbadentwicklung immer verwenden, nachdem man vorher den Kontrastumfang bestimmt hat. Oft wird Helligkeit mit Kontrastumfang verwechselt. Beispielsweise in einer nächtlichen Szene wie hier hat man einen hohen Kontrastumfang (Punktuelle Beleuchtung - schwarze Nacht), was bedeutet, ich muss die Tonwerte komprimieren -> Pull!
Oft wird hier gepusht (es ist ja dunkel!), was aber falsch ist.

Dunkel aber hoher Kontrastumfang!Trotz nächtlicher Szene Pull (Tonwertkompression), nicht Push!
Entwicklung im Einbad. Hier Tmax 100 @ISO 25 in 510-Pyro

Es kann auch der umgekehrte Fall eintreten. High Noon, gleißende Sonne aber wenig Kontrastumfang - in diesem Fall nur zwei Blenden, deshalb Tonwertspreizung -> Push!
Um also den Tonwertumfang des Films voll zu nutzen (5-6 Blenden gezeichnet), muss man N+2 pushen (pro N 2 Blenden Tonwertexpansion).

Mittagszeit, sehr hell, aber niedriger Kontrastumfang! Trotz sonniger Szene Push (Tonwertexpansion), nicht Pull!
Entwicklung im Einbad. Hier APX 100 @ISO 320 in 510-Pyro
Die Messung des Kontrastumfangs ist deshalb immer wichtig. Danach entscheide ich, ob ich pushe oder pulle. Jedes N+/- push/pull gibt mir 2 Blenden mehr an Tonwertspreizung / -kompression.
Wie man an folgender Darstellung für eine N-Belichtung sieht, erhält man gut gezeichnete Bereiche in den Schatten und Lichtern im Bereich von +/- 2 bis 2 1/2 Blenden um den Messwert. Wenn der gemessene Kontrastumfang höher ist, sollte ich pullen (Kompression), wenn er niedriger ist, pushen (Expansion).
 


Warum nun diese lange Vorrede? Zweibad ist grundsätzlich nur geeignet für Normalkontrast oder hohe Kontraste, wo man Lichter deckeln möchte.

Bei niedrigen Kontrasten (verhangender Himmel, Innenaufnahmen,...) ist hingegen Einbadentwicklung und Push zur Tonwertexpansion die Methode der Wahl!
Mit Zweibad bekommt man ausgeglichene Negative aber kein (kaum) ein Ansteilen, falls dies erforderlich oder gewünscht ist.

Dass die Dichtekurve bei Push nicht oder kaum ansteilt, ist allerdings ein Umstand den wir uns weiter unten aber zunutze machen, denn es gibt ja oft Szenen mit Normalkontrast oder höherem Kontrast, wo ich trotzdem gerne eine höhere ISO einsetzen möchte (z.B. APX 100 @ ISO 1250+), ohne dass die Dichtekurve merklich ansteilt oder ich Verluste in Lichtern und Schatten in Kauf nehmen möchte. Beispiele gibt es reichlich, von der Sportfotografie bis zu Aufnahmen in dunkeln Kirchen mit hellen Fenstern.


Was kann Zweibad besser?

Ich hatte ja schon früher über einen Zweibad-Entwickler der Fa. Spürsinn berichtet. Leider gibt es diese Firma nicht mehr und damit auch den Entwickler nicht. Damit war es möglich im Bereich von über N-5 Pull bis N+5 Push zu belichten/entwickeln ohne merkliches Abflachen oder Ansteilen der Dichtekurve bei relativ feinem Korn.
Ilford HP5+ oder Bergger Pancro 400 @ ISO 25.600 war damit problemlos möglich. Einen kurzen Ausflug dazu mit Bitte um Rückkehr gibt es hier.

Meines Wissens nach war das einer der wenigen erhältlichen Zweibadentwickler auf dem deutschen Markt. Mir derzeit bekannt sind noch MZB (Moersch Zweibad) und Diafine (u.a. von Fotoimpex vertrieben). Diese sind allerdings recht teuer, obwohl man Zweibad-Entwickler mit wenigen Komponenten selbst herstellen kann und die Entwicklung ca. 30 Cent kostet.

Im angelsächsischen Raum sind Zweibadentwickler weitaus verbreiteter. Basierend auf dem Zweibad von Stöckler hatte der Brite Barry Thornton seinen Zweibadentwickler (den wir im weiteren BTTB = Barry Thornton Two Bath nennen) entwickelt, um ihn an moderne Emulsionen anzupassen und um die Kornfeinheit und Schärfe von dem Ilford Perceptol Entwickler zu erreichen. Barry Thornton war ein Schärfe-Fanatiker.

Die Arbeitsweise von Zweibad unterscheidet sich vom Einbad dahingehend, dass ich die Entwicklerkomponenten (Bad A) getrennt habe von der Alkalie (Bad B), die den Entwickler aktiviert. Im Bad A belade ich die Emulsion mit Entwicklerchemikalien (Konzentration und Dauer beeinflusst im Wesentlichen die Schattenentwicklung) und erst in Bad B aktiviere ich im Wesentlichen den Entwickler (Konzentration und Bewegung beeinflusst die Lichterdeckelung).

Dadurch, dass ich Entwickler und "Starter" getrennt habe, kann in Bad B nur die Entwicklermenge verbraucht werden, welche in der Emulsion eingelagert ist. In den Lichtern (dichtere Negativstellen) ist der Entwickler schneller aufgebraucht, als in den Schatten. Die Schatten werden dadurch ausentwickelt und die Lichter gedeckelt.

Die Badzusammensetzung von Stöckler und Thornton (BTTB) sind in der folgenden Tabelle zusammen gefasst.
Ich habe letzteren noch modifiziert, insbesondere im Hinblick auf die Push-Entwicklung (BTTB mod)


Sämtliche Chemikalien können z.B. HIER bestellt werden.

Die Vorteile von Zweibad gegenüber Einbad sind:

  • Insbesondere in der Kleinbildfotografie aber auch im Mittelformat, wo man nicht einzelne Negative getrennt dem Szenenkontrast entsprechend belichten und entwickeln kann, liefert die Zweibadentwicklung für jedes Negativ quasi eine Entwicklungsautomatik. Weniger dichte Stellen werden ausentwickelt und dichte zurück gehalten. 
  • Man kann gezielter auf die Schatten (Bad A) und Lichter (Bad B) entwickeln 
  • Durch Trennung von Entwickler und Aktivator ist der Ansatz deutlich länger haltbar, als es Einbadentwickler sind. 
  • I.d.R. kann man alle ISO 100 Filme und alle ISO 400 Filme jeweils zusammen entwickeln. 100er ca. 4 Minuten in jedem Bad, 400er ca. 5 Minuten. 
  • Eine Überentwicklung in Bad B ist ausgeschlossen. Es kann nur der Entwickler verbraucht werden, der sich aus Bad A in der Emulsion befindet. 
  • Push-Entwicklung, ohne dass die Dichtekurve stark (oder überhaupt) ansteilt, ist möglich, was allerdings etwas von der Filmsorte abhängt (T-grain Filme steilen eher an, da sie sehr schnell "bauartbedingt" durchentwickeln). 

Thornton Zweibadentwickler BTTB-modifiziert

Der oben in der Tabelle aufgeführte Thornton Zweibadentwickler (BTTB) benutzt Metol als einzigen Entwickler. Die Ergebnisse sind sehr gut. Allerdings hat in jüngerer Zeit die Forschung auch Fortschritte gemacht und ich habe den BTTB deshalb modifiziert. Alles Weitere bezieht sich also diesen BTTBmod.

Im BTTBmod wurde die Hälfte des Metols gegen Vitamin C ausgetauscht. Vitamin C verhindert zusatzlich zum Natriumsulfit die Oxidation. Außerdem ergibt Vitamin C zusammen mit Metol eine sogenannte Superadditivität, d.h. die Summe beider Entwickler wirkt stärker, als man es von den Einzelkomponenten erwarten würde.

Zusätzlich habe ich noch 0,3 g/l Phendion zugesetzt. Phendion arbeitet in den Schatten und ist deshalb auch bei Push hilfreich, wie wir später noch sehen werden.

BTTBmod ansetzen
Das geht sehr einfach und schnell (auch nicht komplizierter, als XTOL-Pulver lösen).
Wir brauchen:
2 Glasflaschen à 1 Liter
Feinwaage
Chemikalien (siehe Link oben unter Tabelle)
Dest. Wasser (Bügelwasser, Autobatteriewasser)

Bad A: Die Entwicklerkomponenen



1 Liter dest. Wasser
3,25 g Metol
3,25 g Vitamin C
0,3 g Phenidon
80g Natriumsulfit

1 Liter Wasser von ~ 50°C vorlegen. Darin einen Teil (ca. 1/3) des Natriumsulfits vorlösen, bevor die Entwickler zugegeben werden - es soll die Oxidation der Entwickler verhindern. Sodann die Entwicklerkomponenten lösen und zum Schluss das restliche Natriumsulfit

Bad B: Der Aktivator


1 Liter dest. Wasser
10 g Natrium-Metaborat

Mit dem Natrium-Metaborat Konzentration kann man in einem gewissen Umfang noch eine Kontraststeuerung vornehmen.

7 g/Liter -> für extrem kontrastreiche Szenen
12 g/Liter -> für höheren Szenenkontrast
20 g/ Liter -> für normalen Szenenkontrast
Ich habe mein Bad B auf 10g/Liter abgestellt und komme damit gut zurecht.
Und nochmal zur Erinnerung: Für Niedrigkontrastszenen ist Zweibad nicht geeignet. Je höher der Kontrast, desto besser.

Haltbarkeit
Die so angesetzten Entwicklerkomponenten halten in verschlossenen Glasflaschen 1 bis 2 Jahre. Mit 2 x 1 Liter lassen sich 10 bis 15 Kleinbild- oder Mittelformatfilme entwickeln. Der Entwickler wird wiederverwendet. Er verfärbt sich zwar mit der Zeit, aber das tut seiner Wirksamkeit keinen Abbruch. Den Bodensatz einfach auf dem Boden lassen.

Es ist wichtig, dass nichts von dem Bad B ins Bad A gelangt!


Entwicklung mit dem BTTB-mod.
Mit Bad A wird die Emulsion mit Entwicklerkomponenten beladen. Deshalb NICHT vorwässern, denn das würde den Einbau dieser Komponenten behindern.
Zweibadentwicklung ist von Natur aus nicht so temperaturempfindlich, wie Einbadentwicklung; +/- 2°C spielt keine große Rolle. Dennoch empfiehlt es sich, sich an 20°C zu halten, auch um vergleichen zu können.

Einer der Vorteile ist, dass man alle Filme unterschiedlicher Marken mit Nennempfindlichkeit ASA 100 zusammen entwickeln kann. Ein guter Startwert ist 4:00 Minuten. Die 1. Minute Initilakipp und in der Restzeit jede weitere Minute 1x

Für ASA 400 Filme verlängert sich die Entwicklung um 1 Minute.

Über die Verweildauer in Bad A steuert man in erster Linie die Schattenentwicklung. Sollte diese unzureichend sein, kann man die Zeit verlängern.

Mit der "Betankung" in Bad A erreichen die Filme mindestens ihre Nennempfindlichkeit. Sogar Fomapan 200 und 400! Der Agfaphoto APX 100 erreicht ISO 160 und kann entsprechend belichtet werden.

Anschließend gießt man den Entwickler zurück und lässt die Dose gut abtropfen.

Sodann wird Bad B eingefüllt. Bad B triggert die eigentliche Entwicklung.

Die Verweildauer entspricht i.d.R. auch der von Bad A, also
100er Filme 4:00 Minuten
400er Filme 5:00 Minuten

Wichtig!
Zu Beginn wird nur 1x gekippt!
Damit sollen in erster Line Entwicklerreste von Bad A in den Spiralen entfernt werden, die sonst zu Abläufen im Negativ führen.
Kein längeres Initalkippen, denn das würde den Entwickler von Bad A aus der Emulsion waschen.

Dann jede weitere Minute ebenfalls 1x kippen.

Über die Konzentration an Natriummetaborat (s.o.) kann ich den Szenenkontrast ausgleichen, ist aber i.d.R. nicht notwendig.

Eine schwächere Lichterdeckelung bekomme ich auch über eine längere Verweildauer in Bad B. Keine Angst: Man kann nicht überentwickeln, denn der Entwicklervorrat in der Emulsion ist ja begrenzt.

Eine Abschwächung der Entwicklung kann durch eine kürzere Verweilzeit in Bad B oder einem 30 Sekunden Kippryhthmus (stärkeres Auswaschen Entwicklerkomponenten) erzielt werden.

Man hat also viele Finetuning-Möglichkeiten. Mit den oben angegebenen Zeiten bekommt man aber in der Regel direkt sehr gute Ergebnisse

Anschließend Bad B zurück gießen, Stoppbad, Fixierbad und wässern.

Sobald man den Negativstreifen in der Hand hält, stellt man fest, dass jedes einzelne Negativ sehr ausgeglichen entwickelt worden ist. Das Scannen oder Vergrößern damit ist ein Kinderspiel!

Die folgenden Bilder wurden bei unterschiedlichen Kontrastsituationen auf einen Film belichtet und im BTTBmod entwickelt. Man sieht die Gleichmäßigkeit der Entwicklung - quasi eine Entwicklungsautomatik - Negativ für Negativ. Eine sehr gute Lichterdeckelung und Schattenzeichnung bei hoher Feinkörnigkeit und Schärfe.


Agfaphoto APX 100 @ISO 160 entwickelt im Thornton Zweibad modifiziert (BTTBmod) 
Auch lassen sich sehr feine Strukturen sehr gut abbilden
Agfaphoto APX 100 @ISO 160
entwickelt im Thornton Zweibad modifiziert (BTTBmod) 
Hier einige weiter Bilder mit unterschiedlichen Filmen im BTTBmod 
von Mia Hopfer, Österreich.

Agfaphoto APX 100









Fomapan 100








Ilford Pan F






Das folgende Bild von Gerhard Hauke, Österreich, zeigt die Feinkörnigkeit und Tonalität mit dem Agfaphoto APX 400 recht anschaulich.






Das folgende wurde von mirmit einer Minox ML auf APX 400 @ ISO 320 gemacht


Ebenfalls Agfaphoto APX 400 @ ISO 320 von Meik Krätzig


Noch ein Bild mit Fomapan 400 @ISO 400 von Tomasz Jaczewsk, Polen



Push-Entwicklung mit Zweibad

hohe ISO-Werte ohne Ansteilen

(folgt)





Hier ein Podcast zum Thema

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