Montag, 29. Juli 2019

William T. Mortensen - "Belichte auf die Lichter, entwickle auf die Schatten"


William T. Mortensen
1897-1965
Um die Welt bzw. die Technik von Mortensen zu verstehen, zunächst einige Sätze zu ihm selbst:

Mortensens Bilder und Schriften über das Medium Fotografie sind ebenso wichtig, wie die von Ansel Adams (Zonensystem), obwohl sein Werk zu Unrecht ignoriert und übersehen wurde. Mortensens Bilder - und die dahinter stehende Philosophie - wurden von Adams und Weston, den primären Künstlern, die das aufsteigende Genre der "geraden" oder "puristischen" Fotografie anführen, mit Verachtung betrachtet. Als das puristische Ideal das Feld dominierte, wurden andere Ansätze wie Mortensens "kreativer Piktoralismus" vom Kunstbetrieb in Vergessenheit gebracht.
In den 1980er Jahren begann sich die Windrichtung zu Mortensens Gunsten zu wenden, und seither nimmt das Interesse an seinem Werk wieder zu. Für das ungebildete Auge könnten viele seiner Bilder mit digitalen Manipulationen verwechselt werden, obwohl sie schon lange vor der Erfindung des Heimcomputers entstanden sind.




Mortensen schöpfte aus weit gefächerten Bereichen - Literatur, Kunst, Geschichte und Psychologie- und deshalb sind seine Erklärungen weitaus faszinierender als bei anderen Fotografen, deren Schriften lediglich der Dokumentation ihrer eigenen Technik dienen.

Im Januar 1936 wandte sich der Verleger Richard Simon an Mortensen, um ein umfassendes Handbuch für technische Fotografie zu schreiben, das vollständig illustriert und zwischen dreihundert und siebenhundert Seiten lang ist. Darauf hin erklärte Mortensen:



Agfaphoto  APX100 @ ISO 320,
 in 510-Pyro 3h30min Standentwicklung
"Die Wahrheit ist, dass ich nicht geeignet bin, ein akademisch "fundiertes" Buch zu schreiben. Ich bin radikal, persönlich und voreingenommen - und wenn ich einen Kopf sehe, kann ich ihn treffen.Ich habe ein System, und ich bin ein fanatischer Verfechter dieses Systems. Fotografen der älteren Schule versichern mir, dass mein System fantastisch, unwissenschaftlich und subversiv ist. Meine unwissenschaftliche Begründung ist, dass es funktioniert (Anmerkung. Wie ich zeigen werde, tut es das in der Tat!), und dass fast fünfhundert Schüler von mir das Gleiche gefunden haben. Was mein Schreiben von vielen, viel mehr gelehrten und fundierten Büchern unterscheidet, ist die persönliche Qualität und der respektlose Umgang mit geliebten und alten Bugaboos des Berufsstandes. Das Paradoxe daran ist, dass meine Helden scheinbar mehr auf künstlerischer Tradition beruhen, als die Warnkonventionen der Old school-Fotografen".

Mortensen ist also mehr als nur Technik. Es ist ein Gesamtkonzept. 
Dennoch habe ich zunächst versucht, hinter seine Technik zu kommen, was nicht einfach ist. Man muss dazu mehrere seiner Bücher lesen, Aufzeichnungen seiner Studenten heranziehen und eigene Versuche fahren. Aber es ist durchaus reproduzierbar!
Er schreibt dazu selbst mit Bezug auf sein Buch "Mortensen on the Negative":

"Viele Amateure, die diese Worte lesen, scannen nun die Datenlisten mit einem eifrigen und lüsternen Auge. 'Hier', sagen sie, 'steht, wie es gemacht wird.'
Könnte ich sie erreichen, würde ich Ihnen antworten: Nein, Kinder, so wurde es nicht gemacht. Die Daten sind nur Knochen und Knorpel, von denen alle guten Säfte abgekocht wurden. Die Datenlisten sind in allen Details wahr, aber (für die Person, die Bilder machen will) sind sie die am wenigsten wertvollen Informationen, die das Buch enthält."
In der Tat ist das Beherrschen der Technik notwendig, Blickfang und Blickführung sind aber weitere wesentliche Themen von Mortensen. Dazu werde ich auch noch etwas schreiben. Zunächst aber zur Technik.

Was unterscheidet nun Mortensen von dem klassischen Zonensystem von Ansel Adams?
Es gibt schon reichlich Verwirrung bezüglich der Belichtung. Ich möchte das an dieser Stelle nicht voll umfänglich wiederholen, man kann es HIER nachlesen .


Die "Puristen", wie Ansel Adams legten Wert auf besondere Schattenzeichnung, deshalb auch deren Leitsatz "Belichte auf die Schatten und entwickle auf die Lichter". I.d.R. erhält man dadurch auch kürzere Entwicklungszeiten.
Mortensen war hingegen der Ansicht, dass man mit einer verkürzten Entwicklung dem Negativ keinen Nutzen erweist, da es ohnehin - im Gegensatz zum Auge - darin begrenzt ist, Tonwerte zu verifizieren. Insbesondere besteht die Gefahr, dass gerade die psychologisch wirksamen und wichtigen Halbtöne in den Lichtern abgeflacht werden. Lichter sind für die Blickführung essentiell, da der Mensch diese besonders wahr nimmt.


Aufgefallen ist Mortensen dieses durch das Studium von Malereien, insbesondere auch des niederländischen Barocks. Jeder kennt wohl Vermeer's "Mädchen mit dem Perlenohrring". 
Man sieht sehr deutlich an dem Histogramm, dass die Lichter gespreizt sind und fein nach rechts auslaufen. 
Mit der "Methode Mortensen" kann man das ebenfalls in der Fotografie erreichen. Auch hier wird der Blick direkt auf die Person gelenkt, dank der subtilen Tonwertdifferenzierung in den Lichtern.
Hier sagt Mortensen zu den fotografischen Puristen:

 "Die Realisten haben großen Wert auf die Reinheit ihrer Kunst gelegt - 'reine Fotografie', unverschmutzt durch eine der Methoden, Manierismen oder Qualitäten der grafischen Kunst, der Malerei, Zeichnung, Radierung, etc. 'Reinheit' soll darin bestehen, den fotografischen Ausdruck auf die mechanisch objektive Darstellung zu beschränken, die der unkontrollierten Kamera innewohnt, und Prozesse auf den einfachsten und primitivsten Typ zu beschränken. So findet der photochemische Prozess, wo die Katze sich in den Schwanz beißt, seine Verwirklichung in sich selbst."
-------------

Kleiner digitaler Einschub

Man kann die "Methode Mortensen" übrigens auch sehr gut mit seiner Digitalkamera üben, indem man auf die Lichter belichtet (also diese nicht ausbrennen lässt) und die Schatten dann einer RAW-Entwicklung unterzieht. Dies setzt allerdings einen Dynamikumfang der Digitalkamera voraus, welcher dem von Film entspricht - in diesem Fall 12,5 Blenden meiner Panasonic Lumix GX8 bei ISO 100.
An diesem Beispielen erkennt man auch den malerischen Eindruck, der dadurch entsteht.


--------------

Dies nur am Rande und weiter geht es mit Analog, wo ich auf das Zonensystem Bezug nehmen werde, um Mortensen zu erklären. Das hört sich zwar widersprüchlich an, jedoch sind Belichtung und Negativdichte physikalisch-chemische Eigenschaften und damit methodenunabhängig.

Hier zunächst ein Bild zur Leistungsfähigkeit der Methode, insbesondere bei niedrigem Kontrast.
Diese Aufnahme hatte ich innen bei stark bewölktem Himmel und Tageslicht gemacht. Also extrem gedämpfte, flaue Kontraste. Trotzdem schafft man es nach der Methode Mortensen die unterschiedlichen Weißtöne zu differenzieren. Dies setzt einerseits die Kenntnis des Zonensystems voraus (Kontrastanpassung), sowie die Methode Mortensen (belichten auf die Lichter und Standentwicklung zur Tonwertspreizung). Für eine Digitalkamera wäre es ein Klacks, für Analog ist es Handwerk.

Agfaphoto APX 100 @ ISO 320, 510-Pyro  2,5 Stunden Standentwicklung

Ein geringer Anteil an ausgebrannten Lichtern (Mullbinde oben) habe ich toleriert, da es den Eindruck von gerichtetem Licht verstärkt obwohl es kaum wahrnehmbar war. Die Schatten unten in der Ecke rechts sind noch differenziert. Mit dem bloßen Auge waren diese Nuancen in den Weißtönen kaum erkennbar, der Spotmesser konnte die Lichter kaum erfassen, da alle Weißtöne im Bereich von unter einer Blende lagen. 




Was ist nun der "Trick" bei Mortensen?
- der theoretische Teil


Je nach Über-/Unter- Belichtung/Entwicklung erhält man unterschiedliche Negative. folgende Tabelle gibt einen Überblick zu den jeweiligen Eigenschaften.






Die Standardbelichtung/Standardentwicklung #5 ist quasi das Zentrum der Zielscheibe, welches von vielen Fotografen versucht wird, zu treffen. Dies setzt eine gute Belichtungsmessung und eine quasi sekundengenaue Stoppuhr bei der Entwicklung voraus. So bewundernswert dieses Bemühen um Präzision und Perfektion auch sein mag, es ist eine Tatsache, dass eine solche Verliebtheit in das Standardnegativ den Verlust von viel Zeit und Anstrengung mit sich bringt und oft zu sehr gleichgültigen Ergebnissen führt. Obwohl es das "wissenschaftlich genaue" Negativ ist, ist es nicht unbedingt das "perfekte Negativ" für einen bestimmten Zweck oder bestimmte Bedingungen. Das Standardnegativ zeigt zahlreiche praktische und bildliche Nachteile auf.


Die Negative #2, #4, #6 und #8 sind indifferent, d.h. sie können brauchbar sein, oder auch nicht. 

Die Negative #1 und #9 sind unbrauchbar für die Fotografie

Negativ #3 ist überbelichtet und unterentwickelt.

Der Lichtbereich weist sehr geringe Abstufungen auf. Die eingeschränkte Entwicklung verhindert jedoch, dass der Lichtbereich vollständig blockiert wird, so dass es beim Vergößern eine gewisse Illusion von Halbtönen gibt, die tatsächlich nicht vorhanden sind. Darüber hinaus gibt es aufgrund der Überbelichtung Zeichnung im Schatten, während die begrenzte Entwicklung verhindert, dass diese Details zu dominant werden. Das Negativ #3 ist von allen verwendbaren Varianten das am einfachsten zu erhaltende und das sicherste in den Ergebnissen. Überbelichtung (innerhalb vernünftiger Grenzen) stellt sicher, dass man zumindest ein erkennbares Bild auf dem Film erhält, während die Unterentwicklung dafür sorgt, dass das Bild vergrößerungsfähig ist. Es ist zwar nicht von bester Qualität, aber es ist dasjenige, wessen man immer sicher sein kann und welches eine "akzeptables" Positiv ergibt.  Deshalb war es das "logische" Negativ für den journalistischen Fotografen, wenn man spontan und unter den widrigsten Umständen produzieren muss und die Arbeit davon abhing.  Ein #3 Negativ ist tolerant hinsichtlich der Belichtung, aber wenig tolerant bezüglich der Entwicklung (sehr kurze Zeiten!)
Mortensen schreibt:

"Am bekanntesten unter ihnen ist möglicherweise Dr. Paul Wolff, aufgrund der weiten Verbreitung seiner 'Erfahrung mit der Leica'.
Der Amateur gerät sofort in Schwierigkeiten, sobald er versucht (wie immer), dieser Art von Fotografie nachzueifern. Er sieht wirkungsvolle Bilder, die bei sehr kontrastreichem Tageslicht gemacht werden. So stellt er sein Modell sofort unter starkes Sonnenlicht und macht seine Belichtung - mit welchen schrecklichen fotografischen Ergebnissen wir alle wissen; wenn es ihm gelingt, etwas in den Schatten zu bekommen, sind die hellen Bereiche leer und ohne Gradation; und wenn es ihm gelingt, etwas in den hellen Bereichen zu retten, sind die Schatten schwarze, leere Löcher.
Jetzt, unter solch drastischen Blldbedingungen, ist das Nummer 3 Negativ - überbelichtet, um etwas in den Schatten zu bekommen, unterentwickelt, um die Lichtfläche druckbar zu halten - das einzige, die möglicherweise verwendet werden kann. Dr. Wolff weist ausdrücklich auf ein solches Negativ hin: "Reichlich exponiert und kurz, ganz zart entwickelt". Das Nummer 3 Negativ ist, wie ich sagte, das einzige, welches unter diesen ungünstigen Bedingungen verwendet werden kann (Anm.: hoher Kontrastumfang); aber diese Bedingungen sind nicht zum Besten der Fotografie - auch nicht in Deutschland.
Eine offene Bewertung der Arbeit von Dr. Wolff und anderen dieser Schule wird offensichtliche fotografische Mängel aufzeigen. Beachten Sie zum Beispiel die Wiedergabe von Hauttönen. Es gibt dort keine wirkliche Abstufung; es gibt bestenfalls eine gefälschte Abstufung, die durch die Verwendung von Pan-Film mit Filter erreicht wird. Weder gibt es vereinzelt Spitzlichter, noch gibt es eine ausreichende Trennung des Weiß der Augen und Zähne vom allgemeinen Ton des Fleisches....
Für die fotografisch ungünstigen Umstände, die sie wählen, machen diese Fotografen sicherlich das Beste daraus, indem sie das Negativ #3 verwenden. Aber mit etwas Wartezeit könnten sie viel besseres Licht erhalten und mit Hilfe des 7D-Negativs Bilder mit Halbtönen und einer kräftigen Präsentation sichern. Halbtöne und deren Abstufung sind der einzigartige Beitrag des fotografischen Mediums, und wer sie für die plakative Wirksamkeit aufgibt, macht einen sehr schlechten Tausch."
------------

Hier ein Bild von Paul Wolff von 1928, was die Aussage von Mortensen gut untermauert. Ohne Zweifel eine tolle Bildsprache, aber schauen wir einmal auf Hauttöne und Spitzlichter eines #3 Negatives. Die Lichter sind sehr stark komprimiert und daher fast einheitlich Grau. 

















Hier hingegen die differenzierten Tonwertabstufungen eines 7D-Negativs (folgt) von Mortensen.

















 ---------------------


Das Negativ #7 liegt in der gegenüberliegenden Ecke von #3 und resultiert aus einer entgegengesetzten Variation der Komponentenfaktoren Belichtung und Entwicklung. Es ist eine Unterbelichtung und eine Überentwicklung.

Obwohl deutlich schwieriger als #3, ist das Negativ #7 in der Praxis leichter zu gewinnen, als das Standardnegativ #5. Das "Über"-Element in der Entwicklung bringt ein gewisses Maß an Flexibilität in das Verfahren. Da die Unsicherheiten der Exposition im Falle des #3 Negativs durch absichtliche Überbelichtung gelöst werden, vermeidet das Negativ #7 das Problem der präzisen Standardentwicklung, indem es alle Negative vollständig entwickeln lässt ("Development Infinity").
Negativ #7 oder noch besser die #7D (Ableitung) eignen sich am besten für Bild- oder Portraitarbeiten. Es ist an die Verwendung des Piktorialisten angepasst, nicht nur durch die Tatsache, dass es einfacher zu erhalten ist als das streng genaue Standardnegativ #5, sondern auch durch seine eigentümliche und charakteristische Wiedergabe von hellen und dunklen Halbtönen im Motiv


Es geht also generell darum, in Mitteltönen und in den Lichtern gute Halbwertöne zu erhalten und diese zu spreizen. Deshalb eignet sich die 7D- Methode Mortensen besonders für kontrastarme Situationen. Ich werde aber auch noch zeigen, dass dies für Normalkontrast ebenfalls möglich ist.

Mortensen arbeitet mit einem unterbelichteten Negativ (da auf die Lichter belichtet). Damit wird sicher gestellt, dass die Lichter im linearen Bereich der Dichtekurve liegen und die Tonwerte optimal wiedergegeben werden.

Aber Schritt für Schritt:

Die Funktionsweise erkläre ich hier schematisch für Normalkontrast.




1. Dies wäre eine  Normalbeschichtung/Normalentwicklung mit einem Gamma von 0,65 nach dem Zonensystem.

Je nach verwendeter Film- /Entwicklerkombination flacht die Dichtekurve in den Lichtern ab und deckelt diese.
Dieses Abflachen wird teilweise bewusst auch schon früher herbei geführt, insbesondere durch Zweibadentwickler oder durch beispielsweise eine verdünnte Rodinalentwicklung, wo der Entwickler über die Entwicklungszeit seine Aktivität verliert.

Dieses Abflachen hat aber zur Folge, dass die Tonwerte in den Lichtern stark komprimiert werden. Bei blauem Himmel mit Wolken und ggf. einem Orangefilter ist dies tolerabel, da die Kontrastunterschiede hoch sind. Möchte man jedoch die Weisstöne eines Objektes oder einer ganzen Szene differenziert wieder geben, ist dies kontraproduktiv.





2.
Aus diesem Grund wird auf die Lichter belichtet und in diesem Fall Zone V beispielsweise auf Zone VII gelegt.


Dadurch erhalte ich eine Unterbelichtung von zwei Blenden bei Normalkontrast. Wie oben schon erwähnt bezieht sich dieMethode Mortensen eher auf flache Kontraste. Dort wäre der Unterschied von Mittelwert zur Lichtermessung nicht so gravierend.Zone VII (+2 Blenden) weißt also jetzt im latenten Bild -oder wenn wir Normal entwickeln würden - die selbe Dichte auf, wie Zone V (+/- 0 Blenden) vorher. Das Negativ ist unterbelichtet, was wir jetzt besonders in den Schatten sehen.




3.
Durch die lange Standentwicklung 
werden nun die Lichter wieder auf Zone VII verschoben und die Schatten angehoben. Da die Schattenanhebung nicht so stark erfolgt, wie die Lichteranhebung, kommt es zu einer Tonwertspreizung. Wie man aber an dieser Schematik sieht, ist  im Bereich der Lichter der lineare Bereich deutlich verlängert worden, wodurch man hier eine sehr differenzierte Tonwertwiedergabe erhält.


Sollte einem die Schattenzeichnung nicht genügen, kann man das Negativ vorbelichten, z.B. mit einer Zone I Vorbelichtung, was nur die Schatten anhebt. Wie eine Vorbelichtung geht, habe ich HIER beschrieben .


Zusammenfassung:


  • Durch die Belichtung (Zone V) auf die Lichter stelle ich sicher, dass die oberen Tonwerte im linearen Bereich der Dichtekurve zu liegen kommen. 
  • Dadurch bekomme ich eine optimale Tonwertdifferenzierung in den Lichtern.
  • Durch eine lange Standentwicklung in einem verdünnten Entwickler schiebe ich die Lichter wieder in die oberen, jetzt linearen Zonen und hebe die Schatten an.
  • Verluste in der Schattenzeichnung kann ich durch eine Vorbelichtung des Negatives kompensieren, falls notwendig.
T-max 100 @ ISO 250, 5 Stunden Standentwicklung in 510-Pyro 1+500

Von der Theorie zur Praxis


Mortensen hat eine Art Checkliste verfasst, die ich noch ergänzt habe.

  • Wir brauchen primär flaches Licht für eine optimale Wirkung. Der Gesamtkontrast sollte nicht mehr als 3 Blenden betragen. Eine Anwendung bis hin zu Normalkontrast 5-6 Blenden ist aber auch möglich. Eine Kontraststeuerung folgt wie gewohnt dem Zonensystem, "Belichtung auf die Lichter" dann noch "on top").
  • Bei diesem Bild hatte ich wegen wechselnder Bewölkung den T-max 100 @ ISO 200 belichtet. Man erkennt, dass Mortensen auch mit hohen Kontrasten gut klar kommt. Eine Belichtung mit @ISO 64 (die eigentliche Nennempfindlichkeit in 510-Pyro) wäre sicher noch besser gewesen für die Wolken und Schattenzeichnung. Belichtet wurde auf die hellsten Fassadenteile des Gebäudes.
Tmax 100 @ ISO 200, Standentwicklung in 510-Pyro 1+100, 2 Stunden


  • Einen Film mit klarem Träger für Nuancen in den Schatten . Wie schon erwähnt, kann man sich auch der Vorbelichtung bedienen, um die Schatten anzuheben. Im Prinzip eignen sich alle Filme. Wegen der langen Standentwicklung kommt es aber zu vermehrt Kornwachstum, deshalb habe ich mich für Kleinbild primär auf den T-max 100 und den Adox CMS 20II beschränkt. Im Mittel- oder Großformat sollte es aber keinerlei Einschränkungen geben.
  • Messung auf die Lichter. Dies erfordert eine Spotmessung, da gerade bei flachem Kontrast die Messung genau sein muss.

  • Ausentwicklung (development gamma infinity). Initalbewegung 5 Minuten für eine verbesserte Schattenzeichnung, Rest Stand mit 1x Kipp pro Stunde. Die Standentwicklungszeit sollte ca. 1,5 bis 2 Stunden betragen, um eine optimale Tonwertdifferenzierung zu erhalten.

    Was bedeutet Ausentwickeln (development gamma
     infinity)? 
  • Natürlich entwickeln wir den Film nicht bis er schwarz wird, sondern stellen die Verdünnung des Entwicklers so ein, dass wir nach 1,5 bis 2 Stunden in den Lichtern eine solche Dichte erreichen, dass man gerade dadurch noch ohne Anstrengung eine Zeitung lesen kann. Dies entspricht etwa der Dichte der Zone VII nach dem Zonensystem, also ungefähr einer Dichte von 1,22.
    Bis zu 5% an Spitzlichtern höherer Dichte ist zulässig. Dies wird im Wesentlichen durch die Entwicklungsdauer beeinflusst.


    Zur Entwicklerwahl sind die Angaben von Mortensen heute nicht mehr 1:1 umsetzbar, da es diese Entwickler teilweise nicht mehr gibt und sich die Emulsionen geändert haben.
    Folgende Kriterien sollten aber erfüllt sein:
    - der Entwickler sollte über die gesamte Entwicklungsdauer aktiv sein, also kein verdünntes Rodinal oder Zweibad, was zu einem Abflachen der Lichter führt.
    - es sollten Entwickler mit einem relativ niedrigen Potential / niedriger Engerie benutzt werden, um ein langsames Ausentwickeln sicher zu stellen. Das sind besipielsweise solche auf der Basis von Pyrogallol oder Glycin. Auch Metol-Hydrochinon (MQ) Entwickler sind geeignet, sofern nicht zu alkalisch, also solche beispielsweise mit Natriummetaborat als Base.
    Auch noch langsamer Entwickler auf der Basis von Brenzkatechin sind einsetzbar.

    Ich habe mich für 510-Pyro als Entwickler entschieden. Informationen zu diesem Entwickler GIBT ES HIER. Die Vorteile sind:
  1. Zusammen mit dem T-max 100 steigt die Entwicklungsdauer bei Unterbelichtung (push) nur linear an und nicht exponentiell, wie bei anderen Filmen (-> kein starkes Kornwachstum).
  2. Unabhängig von der Bewegungsart und Dauer ändert sich das Profil der Dichtekurve nicht.
  3. Hoch ökonomisch da stark verdünnt bei langer Standentwicklung mit 1+200....1+500. Der Verdünnungsgrad kann leicht angepasst werden, so dass man auf die vorgegebene Entwicklungszeit von 1,5 bis 2 Stunden kommt. Halbe Konzentration - > doppelte Entwicklungszeit.
  4. Hoher Kantenkontrast, da ein gerbender Entwickler. Negativ wird bei der Entwicklung gehärtet,
  5. deshalb kann man nach ca. der Hälfte der Entwicklungszeit auch panchromatische Filme unter gedämpftem Rotlicht beobachten, da Pyro den Film desensibiliert. Dies ist auch mit anderen gerbenden Entwicklern möglich (Tanol, Brenzkatechin,....). "Development infinity" ist erreicht, wenn sich auf der Rückseite der Emulsion (unfixierter Film) die Spitzlichter, von den ich oben sprach, klar durchzeichnen und sich die Lichter abzeichnen. Auf der Emulsionsseite sollte dann auch eine ausreichende Schattenzeichnung vorhanden sein.  Ich habe zeige dies hier im Video. Um die optimale Belichtung zu finden, habe ich ein Bracketing eingesetzt. 



Ergebnisse eigener Versuche


Diese Bilder wurden im Wuppertaler Zoo gemacht. Es war ein stark wolkenverhangender Morgen mit einem Gesamtkontrast der Motive von nur etwa 2 Blenden. Jeder andere Analog-Fotograf wäre wahrscheinlich wieder nach Hause gegangen.

1. Anpassung Kontrastumfang
der Tmax-100 bringt in 510-Pyro Entwickler eine Nennempfindlichkeit von ISO 64. Nennempfindlichkeit bedeutet ja 5 Blenden Kontrastumfang von gezeichnet Schwarz bis gezeichnet Weiß. Um jetzt den Kontrast (nach Zonensystem) entsprechend anzupassen, habe ich ISO 350 eingestellt. Das entspricht einer Unterbelichtung von N-2,5.

(Um zu vermeiden, dass die Schatten bei der starken Unterbelichtung ohne Zeichnung sind, wurde der Film vorher mit einer Zone I Belichtung vorbelichtet.)

2. Messen auf die Lichter
Das brachte noch einmal ca. 1 Blende Unterbelichtung bei diesem Kontrast durch Messen auf die Lichter, so dass insgesamt eine Unterbelichtung von N-3,5 resultierte, also schon eine massive Unterbelichtung.
Messen auf die Lichter deshalb, weil ich damit sicher stelle, dass keine wichtigen Tonwerte darüber liegen und alles im linearen Bereich der Dichtekurve bleibt.

3. Bracketing
Mit dem Messwert (auf die Lichter) wurde ausgelöst und sicherheitshalber noch zusätzlich ein Bracketing von +1/3 und +2/3 Blende gemacht. Der +1/3 Wert sollte sich als optimal heraus stellen.

4.  Entwicklung
Es wurde in 510-Pyro, Verdünnung 1+200 4 Stunden entwickelt und zwar die ersten 5 Minuten in der Hand rotiert (für die Schatten) und die restliche Zeit als Standentwicklung, wobei nach jeweils 1 Stunde genau eine Umdrehung rotiert wurde.


Die Resultate überzeugen. Feinste Grauwerte trotz eines trüben Tages und des Kontrastumfang des Films wurde voll ausgeschöpft.


Nun zu einem Wetter mit eher höherem Kontrast sonnig/wolkig in Siegburg

1. Anpassung Kontrastumfang
Eingesetzt wurde der Orwo UN 54 100  (vergleichbar mit Agfaphoto APX 100) @ISO 200. Wegen des hohen Kontrastes hätte ich mich für ISO 100 entscheiden sollen. Durch die N-1 Tonwertspreizung ist die Schattenzeichnung nicht ganz optimal.

(keine Vorbelichtung)


2. Messen auf die Lichter
Bei hohen Kontrasten weichen die Lichter natürlich stärker vom Mittelwert ab, als bei einem niedrigen Kontrastumfang. Dadurch reslutierte eine weitere Unterbelichtung um fast 2 Blendenstufen.

3. Bracketing
-------

4. Entwicklung


Es wurde in 510-Pyro, Verdünnung 1+250 1,5 Stunden entwickelt und zwar die ersten 5 Minuten in der Hand rotiert (für die Schatten) und die restliche Zeit als Standentwicklung, wobei nach jeweils 1 Stunde genau eine Umdrehung rotiert wurde.





Die oberen Tonwerte sind optimal wieder gegeben. In den Schatten könnte etwas mehr Zeichnung sein, aber es gibt den Seheindruck bei diesem Wetter recht gut wieder, denn selbst das Auge konnte beispielsweise bei der Rutschbahn nicht alles erfassen von der gleißenden Rutsche bis zum Baumschatten.


Niedrige Kontraste mit Delta 100
1. Anpassung Kontrastumfang
Es lagen wieder nur um die 2 Blenden Gesamtkontrast vor, deshalb wurde der Delta 100@ ISO 320 eingesetzt, also N-1,5 unterbelichtet.

(keine Vorbelichtung)


2. Messen auf die Lichter. Im Mittel erfolgte dadurch eine weitere Unterbelichtung um ca. 1 Blende.

3. Bracketing

--------
4. Entwicklung
510-Pyro in der Verdünnung 1+300, Standentwicklung, wie oben beschrieben.






Der Delta 100 ist ebenfalls sehr gut geeignet für diese Methode.

Wieder bei mehr Kontrast in diversen Parkanlagen rund um Köln

1. Anpassung Kontrastumfang
T-max 100 @ ISO 64 (Normalempfindlichkeit in 510-Pyro)

(keine Vorbelichtung - die Mauer auf dem einen Bild hätte es gebraucht, da voll im Schatten)

2. Messen auf die Lichter
Dadurch eine Unterbelichtung um ca. 2 Blenden im Mittel.

3. Bracketing
+ 1/3, +2/3 Blende. +1/3 Blende hat sich in den meisten Fällen als passend erwiesen.

4. Entwicklung
510-Pyro Verdünnung 1+500, Standentwicklung wie oben beschrieben 5 Stunden





Filme, welche nicht in 510-Pyro entwickelt werden können, wie beispielsweise Mikrofilme, kann man in Caffenol CL ohne Kaliumbromid, jedoch mit 1+1 verdünnt entwickeln. Bei dem Adox CMS 20 II liegen die Entwicklungszeiten dann etwas niedriger, aber der Effekt wird erreicht.


1. Anpassung Kontrastumfang
Adox CMS 20II ISO 6 @ ISO 50, also N-3 wegen geringem Kontrastumfang von unter 2 Blendenstufen, deshalb

Vorbelichtung mit Zone I Belichtung

2. Messen auf die Lichter (wegen des geringen Kontrastumfangs sollte es genau erfolgen).

3. Bracketing
Wegen des geringen Kontrastes +1/3, +2/3 Blendenstufen.

4. Entwicklung in Caffenol CL (ohne KBr) 1+1 verdünnt, auch wieder 5 Minuten initial, dann 45 Minuten Standentwicklung.







Bisheriges Fazit aus den Versuchen

Die "Methode Mortensen" funktioniert hinsichtlich der beschriebenen Technik.

Wir müssen allerdings berücksichtigen, dass Mortensen in erster Linie Studioaufnahmen gemacht hat, wo er die Lichtsituation im Griff hatte (flaches Licht). Jedoch hat er auch ein Buch über Portraits in der Natur geschrieben.

Das 7D-Negativ ist ein leicht unterbelichtetes Negativ, so dass auch die Schattenzeichnugn noch vorhanden ist. Meine Versuchsbeispiele oben haben da sicher noch Optimierungpotential.

Unabhängig vom /D-Negativ müssen wir auch den Gesamtkontrast im Auge behalten. Hier greift das Zonensystem. Bei niedrigem Kontrast muss zusätzlich zu der Belichtung auf die Lichter noch weiter unterbelichtet werden, um eine angemessene Kontrastspreizung zu erhalten.

Ein Negativ #7 oder #7D ist relativ unempfindlich gegenüber der Entwicklungsdauer, jedoch sehr empfindlich in Bezug auf die Belichtung. Aus diesem Grund empfiehlt Mortensen das Bracketing - zu Recht!

Durch meine Versuche habe ich heraus gefunden, dass je geringer der Gesamtkontrast ist, das Bracketing geringer und
 mit steigendem Kontrast höher ausfallen sollte.

Gesamtkontrast 1-2 Blenden: Bracketing um +/- 1/3 Blendenstufen
Gesamtkontrast 3-4 Blenden: Bracketing um +/- 1/2 Blendenstufen
Gesamtkontrast 5-6 Blenden: Bracketing um +/- 2/3 Blendenstufen


Mortensen ist sicher kein Thema für Analog-Konsumenten, die Filmhopping betreiben, um einen bestimmten "Look" zu finden. Es erfordert schon einige Versuche, Hingabe und kritische Selbstbewertung. Die Methode ist eher Weg, als Ziel. Sie ist aber anwendbar auf Kleinbild, Mittel- und Großformat und durchaus alltagstauglich. Nimmt man sich die Zeit und optimierte eine Film/
Entwicklerkombination entsprechend, stehen einem die Möglichkeiten der malerischen/piktoralen Fotografie offen.

Mortensen schreibt:

"Das gute Negativ: Das ist der Kern einer guten Fototechnik. Mit einem guten Negativ sind alle Dinge möglich: Ohne es ist nichts möglich.
Das erste Anliegen des Amateurs, der an einen Ort gehen will, muss die Negativqualität sein. Leider ist der durchschnittliche Amateur in dieser grundlegenden Angelegenheit völlig unwissend. Er weiß natürlich, dass man ein Negativ (normalerweise) bekommt, wenn man den Film belichtet und entwickelt; aber er weiß nicht, was die Faktoren sind, die zur Negativqualität beitragen. Tatsächlich erkennt er nicht einmal ein gutes Negativ, wenn er eines sieht. VEREINFACHUNG ist die Lösung für vieles, was mit der Fotografie falsch ist, wie sie heute praktiziert wird."
Aus dem Buch "Mortensen on the Negative"

Das war 1949 und ist auch heute noch aktuell.


Donnerstag, 4. Oktober 2018



Zweibad-Negativentwicklung


Die Zweibad-Entwicklung ist leichter, als gedacht. Die Badzusammensetzung zählt zu den einfachsten überhaupt.

Unbekannter Film? Alter Film? Temperaturschwankungen? Unterschiedliche Filme gleichzeitig entwickeln? Hohe Kontraste? Pushen ohne Ansteilen?
Das alles ist für Zweibad kein Problem. 


Ich werde aber hier zunächst etwas ausführlicher ausholen, da es dem Verständnis dienen soll. Den Sinn der Zweibadentwicklung versteht man erst, wenn man die Grundzüge der Einbadentwicklung verstanden hat....

Was kann Einbad?

Sicher kennt mancher die Weisheit: "Belichte auf die Schatten und entwickle auf die Lichter"Dieser Spruch stammt aus der Fineart- und Landschaftsfotografie mit Großformatkameras (u.a. Ansel Adams), wo man bei einer vorab ermittelten Filmempfindlichkeit die Belichtung in Zone I mit einer Dichte logD ~ 0,12 belegte, beziehungsweise dort fixierte. Die Kontraststeuerung wurde über die Entwicklungszeit vorgenommen. Bei den damaligen Entwicklern konnte man davon ausgehen, dass sich mit einer verlängerten Entwicklungszeit die Dichte bei Zone I kaum änderte.


Die Nachteile dieser Methode sind:

  • Spätestens mit dem breiten Einzug von Phenidon in Entwicklerrezepturen nimmt auch die Dichte in Zone I merklich zu, wenn man die Entwicklungszeit verlängert. 
  • Es kommt zu einer Zonenverschiebung bei höheren Zonen. Das ist für Landschaftsfotografie vernachlässigbar aber bei Portraits verschieben sich beispielsweise Hauttöne (üblicherweise Zone V-VI) und zwar je nachdem, ob ich eine Tonwertexpansion (N+ Entwicklungsverlängerung) oder -kompression (N- Entwicklungsverkürzung) vornehme, in niedrigere oder höhere Zonen. 

Aus diesem Grund hat sich eine andere Methode etabliert:
Die Schnappschussmethode.

Sämtliche moderne Film- und Entwicklerdaten sind darauf hin ausgelegt. Zone V bleibt konstant und man nimmt die Kontrastanpassung durch Unterbelichtung/Überentwicklung (N-/N+ = Push) oder Überbelichtung /Unterentwicklung (N+/N- = Pull) vor. Push geht in einem Einbadentwickler mit einem Ansteilen und Pull mit einem Abflachen der Dichtekurve einher.
Im Gegensatz zur klassischen Methode verändere ich also die ISO und die Entwicklungszeit. Das hat zudem den Vorteil, dass ich bei trübem Wetter (wenig Kontrastumfang) quasi automatisch mit der höheren Empfindlichkeit auch eine Tonwertspreizung bekomme und umgekehrt.
Leider hat sich eingebürgert, dass man pusht um des Pushens willen. Dabei wurde vergessen, dass ich in erster Linie eine Anpassung an den Szenenkontrast über die Entwicklung vornehme und nur deshalb die ISO auch verändere, um Zone V konstant zu halten!



Hier ist die Tabelle, die einen Überblick zur Kontrastanpassung nach dieser Schappschußmethode gibt., um den Szenenkontrast (von Zeichnung Schatten bis Zeichnung Lichter) links auf den optimalen Fimlkontrast zu expandieren oder zu komprimieren. Die Tabelle gilt für einen 100 ASA Film. Bei anderen Filmempfindlichkeiten muss man entsprechend verschieben/anpassen.



Im Prinzip sollte man diese Methode mit der Einbadentwicklung immer verwenden, nachdem man vorher den Kontrastumfang bestimmt hat. Oft wird Helligkeit mit Kontrastumfang verwechselt. Beispielsweise in einer nächtlichen Szene wie hier hat man einen hohen Kontrastumfang (Punktuelle Beleuchtung - schwarze Nacht), was bedeutet, ich muss die Tonwerte komprimieren -> Pull!
Oft wird hier gepusht (es ist ja dunkel!), was aber falsch ist.

Dunkel aber hoher Kontrastumfang!Trotz nächtlicher Szene Pull (Tonwertkompression), nicht Push!
Entwicklung im Einbad. Hier Tmax 100 @ISO 25 in 510-Pyro

Es kann auch der umgekehrte Fall eintreten. High Noon, gleißende Sonne aber wenig Kontrastumfang - in diesem Fall nur zwei Blenden, deshalb Tonwertspreizung -> Push!
Um also den Tonwertumfang des Films voll zu nutzen (5-6 Blenden gezeichnet), muss man N+2 pushen (pro N 2 Blenden Tonwertexpansion).

Mittagszeit, sehr hell, aber niedriger Kontrastumfang! Trotz sonniger Szene Push (Tonwertexpansion), nicht Pull!
Entwicklung im Einbad. Hier APX 100 @ISO 320 in 510-Pyro
Die Messung des Kontrastumfangs ist deshalb immer wichtig. Danach entscheide ich, ob ich pushe oder pulle. Jedes N+/- push/pull gibt mir 2 Blenden mehr an Tonwertspreizung / -kompression.
Wie man an folgender Darstellung für eine N-Belichtung sieht, erhält man gut gezeichnete Bereiche in den Schatten und Lichtern im Bereich von +/- 2 bis 2 1/2 Blenden um den Messwert. Wenn der gemessene Kontrastumfang höher ist, sollte ich pullen (Kompression), wenn er niedriger ist, pushen (Expansion).
 


Warum nun diese lange Vorrede? Zweibad ist grundsätzlich nur geeignet für Normalkontrast oder hohe Kontraste, wo man Lichter deckeln möchte.

Bei niedrigen Kontrasten (verhangender Himmel, Innenaufnahmen,...) ist hingegen Einbadentwicklung und Push zur Tonwertexpansion die Methode der Wahl!
Mit Zweibad bekommt man ausgeglichene Negative aber kein (kaum) ein Ansteilen, falls dies erforderlich oder gewünscht ist.

Dass die Dichtekurve bei Push nicht oder kaum ansteilt, ist allerdings ein Umstand den wir uns weiter unten aber zunutze machen, denn es gibt ja oft Szenen mit Normalkontrast oder höherem Kontrast, wo ich trotzdem gerne eine höhere ISO einsetzen möchte (z.B. APX 100 @ ISO 1250+), ohne dass die Dichtekurve merklich ansteilt oder ich Verluste in Lichtern und Schatten in Kauf nehmen möchte. Beispiele gibt es reichlich, von der Sportfotografie bis zu Aufnahmen in dunkeln Kirchen mit hellen Fenstern.


Was kann Zweibad besser?

Ich hatte ja schon früher über einen Zweibad-Entwickler der Fa. Spürsinn berichtet. Leider gibt es diese Firma nicht mehr und damit auch den Entwickler nicht. Damit war es möglich im Bereich von über N-5 Pull bis N+5 Push zu belichten/entwickeln ohne merkliches Abflachen oder Ansteilen der Dichtekurve bei relativ feinem Korn.
Ilford HP5+ oder Bergger Pancro 400 @ ISO 25.600 war damit problemlos möglich. Einen kurzen Ausflug dazu mit Bitte um Rückkehr gibt es hier.

Meines Wissens nach war das einer der wenigen erhältlichen Zweibadentwickler auf dem deutschen Markt. Mir derzeit bekannt sind noch MZB (Moersch Zweibad) und Diafine (u.a. von Fotoimpex vertrieben). Diese sind allerdings recht teuer, obwohl man Zweibad-Entwickler mit wenigen Komponenten selbst herstellen kann und die Entwicklung ca. 30 Cent kostet.

Im angelsächsischen Raum sind Zweibadentwickler weitaus verbreiteter. Basierend auf dem Zweibad von Stöckler hatte der Brite Barry Thornton seinen Zweibadentwickler (den wir im weiteren BTTB = Barry Thornton Two Bath nennen) entwickelt, um ihn an moderne Emulsionen anzupassen und um die Kornfeinheit und Schärfe von dem Ilford Perceptol Entwickler zu erreichen. Barry Thornton war ein Schärfe-Fanatiker.

Die Arbeitsweise von Zweibad unterscheidet sich vom Einbad dahingehend, dass ich die Entwicklerkomponenten (Bad A) getrennt habe von der Alkalie (Bad B), die den Entwickler aktiviert. Im Bad A belade ich die Emulsion mit Entwicklerchemikalien (Konzentration und Dauer beeinflusst im Wesentlichen die Schattenentwicklung) und erst in Bad B aktiviere ich im Wesentlichen den Entwickler (Konzentration und Bewegung beeinflusst die Lichterdeckelung).

Dadurch, dass ich Entwickler und "Starter" getrennt habe, kann in Bad B nur die Entwicklermenge verbraucht werden, welche in der Emulsion eingelagert ist. In den Lichtern (dichtere Negativstellen) ist der Entwickler schneller aufgebraucht, als in den Schatten. Die Schatten werden dadurch ausentwickelt und die Lichter gedeckelt.

Die Badzusammensetzung von Stöckler und Thornton (BTTB) sind in der folgenden Tabelle zusammen gefasst.
Ich habe letzteren noch modifiziert, insbesondere im Hinblick auf die Push-Entwicklung (BTTB mod)


Sämtliche Chemikalien können z.B. HIER bestellt werden.

Die Vorteile von Zweibad gegenüber Einbad sind:

  • Insbesondere in der Kleinbildfotografie aber auch im Mittelformat, wo man nicht einzelne Negative getrennt dem Szenenkontrast entsprechend belichten und entwickeln kann, liefert die Zweibadentwicklung für jedes Negativ quasi eine Entwicklungsautomatik. Weniger dichte Stellen werden ausentwickelt und dichte zurück gehalten. 
  • Man kann gezielter auf die Schatten (Bad A) und Lichter (Bad B) entwickeln 
  • Durch Trennung von Entwickler und Aktivator ist der Ansatz deutlich länger haltbar, als es Einbadentwickler sind. 
  • I.d.R. kann man alle ISO 100 Filme und alle ISO 400 Filme jeweils zusammen entwickeln. 100er ca. 4 Minuten in jedem Bad, 400er ca. 5 Minuten. 
  • Eine Überentwicklung in Bad B ist ausgeschlossen. Es kann nur der Entwickler verbraucht werden, der sich aus Bad A in der Emulsion befindet. 
  • Push-Entwicklung, ohne dass die Dichtekurve stark (oder überhaupt) ansteilt, ist möglich, was allerdings etwas von der Filmsorte abhängt (T-grain Filme steilen eher an, da sie sehr schnell "bauartbedingt" durchentwickeln). 

Thornton Zweibadentwickler BTTB-modifiziert

Der oben in der Tabelle aufgeführte Thornton Zweibadentwickler (BTTB) benutzt Metol als einzigen Entwickler. Die Ergebnisse sind sehr gut. Allerdings hat in jüngerer Zeit die Forschung auch Fortschritte gemacht und ich habe den BTTB deshalb modifiziert. Alles Weitere bezieht sich also diesen BTTBmod.

Im BTTBmod wurde die Hälfte des Metols gegen Vitamin C ausgetauscht. Vitamin C verhindert zusatzlich zum Natriumsulfit die Oxidation. Außerdem ergibt Vitamin C zusammen mit Metol eine sogenannte Superadditivität, d.h. die Summe beider Entwickler wirkt stärker, als man es von den Einzelkomponenten erwarten würde.

Zusätzlich habe ich noch 0,3 g/l Phendion zugesetzt. Phendion arbeitet in den Schatten und ist deshalb auch bei Push hilfreich, wie wir später noch sehen werden.

BTTBmod ansetzen
Das geht sehr einfach und schnell (auch nicht komplizierter, als XTOL-Pulver lösen).
Wir brauchen:
2 Glasflaschen à 1 Liter
Feinwaage
Chemikalien (siehe Link oben unter Tabelle)
Dest. Wasser (Bügelwasser, Autobatteriewasser)

Bad A: Die Entwicklerkomponenen



1 Liter dest. Wasser
3,25 g Metol
3,25 g Vitamin C
0,3 g Phenidon
80g Natriumsulfit

1 Liter Wasser von ~ 50°C vorlegen. Darin einen Teil (ca. 1/3) des Natriumsulfits vorlösen, bevor die Entwickler zugegeben werden - es soll die Oxidation der Entwickler verhindern. Sodann die Entwicklerkomponenten lösen und zum Schluss das restliche Natriumsulfit

Bad B: Der Aktivator


1 Liter dest. Wasser
10 g Natrium-Metaborat

Mit dem Natrium-Metaborat Konzentration kann man in einem gewissen Umfang noch eine Kontraststeuerung vornehmen.

7 g/Liter -> für extrem kontrastreiche Szenen
12 g/Liter -> für höheren Szenenkontrast
20 g/ Liter -> für normalen Szenenkontrast
Ich habe mein Bad B auf 10g/Liter abgestellt und komme damit gut zurecht.
Und nochmal zur Erinnerung: Für Niedrigkontrastszenen ist Zweibad nicht geeignet. Je höher der Kontrast, desto besser.

Haltbarkeit
Die so angesetzten Entwicklerkomponenten halten in verschlossenen Glasflaschen 1 bis 2 Jahre. Mit 2 x 1 Liter lassen sich 10 bis 15 Kleinbild- oder Mittelformatfilme entwickeln. Der Entwickler wird wiederverwendet. Er verfärbt sich zwar mit der Zeit, aber das tut seiner Wirksamkeit keinen Abbruch. Den Bodensatz einfach auf dem Boden lassen.

Es ist wichtig, dass nichts von dem Bad B ins Bad A gelangt!


Entwicklung mit dem BTTB-mod.
Mit Bad A wird die Emulsion mit Entwicklerkomponenten beladen. Deshalb NICHT vorwässern, denn das würde den Einbau dieser Komponenten behindern.
Zweibadentwicklung ist von Natur aus nicht so temperaturempfindlich, wie Einbadentwicklung; +/- 2°C spielt keine große Rolle. Dennoch empfiehlt es sich, sich an 20°C zu halten, auch um vergleichen zu können.

Einer der Vorteile ist, dass man alle Filme unterschiedlicher Marken mit Nennempfindlichkeit ASA 100 zusammen entwickeln kann. Ein guter Startwert ist 4:00 Minuten. Die 1. Minute Initilakipp und in der Restzeit jede weitere Minute 1x

Für ASA 400 Filme verlängert sich die Entwicklung um 1 Minute.

Über die Verweildauer in Bad A steuert man in erster Linie die Schattenentwicklung. Sollte diese unzureichend sein, kann man die Zeit verlängern.

Mit der "Betankung" in Bad A erreichen die Filme mindestens ihre Nennempfindlichkeit. Sogar Fomapan 200 und 400! Der Agfaphoto APX 100 erreicht ISO 160 und kann entsprechend belichtet werden.

Anschließend gießt man den Entwickler zurück und lässt die Dose gut abtropfen.

Sodann wird Bad B eingefüllt. Bad B triggert die eigentliche Entwicklung.

Die Verweildauer entspricht i.d.R. auch der von Bad A, also
100er Filme 4:00 Minuten
400er Filme 5:00 Minuten

Wichtig!
Zu Beginn wird nur 1x gekippt!
Damit sollen in erster Line Entwicklerreste von Bad A in den Spiralen entfernt werden, die sonst zu Abläufen im Negativ führen.
Kein längeres Initalkippen, denn das würde den Entwickler von Bad A aus der Emulsion waschen.

Dann jede weitere Minute ebenfalls 1x kippen.

Über die Konzentration an Natriummetaborat (s.o.) kann ich den Szenenkontrast ausgleichen, ist aber i.d.R. nicht notwendig.

Eine schwächere Lichterdeckelung bekomme ich auch über eine längere Verweildauer in Bad B. Keine Angst: Man kann nicht überentwickeln, denn der Entwicklervorrat in der Emulsion ist ja begrenzt.

Eine Abschwächung der Entwicklung kann durch eine kürzere Verweilzeit in Bad B oder einem 30 Sekunden Kippryhthmus (stärkeres Auswaschen Entwicklerkomponenten) erzielt werden.

Man hat also viele Finetuning-Möglichkeiten. Mit den oben angegebenen Zeiten bekommt man aber in der Regel direkt sehr gute Ergebnisse

Anschließend Bad B zurück gießen, Stoppbad, Fixierbad und wässern.

Sobald man den Negativstreifen in der Hand hält, stellt man fest, dass jedes einzelne Negativ sehr ausgeglichen entwickelt worden ist. Das Scannen oder Vergrößern damit ist ein Kinderspiel!

Die folgenden Bilder wurden bei unterschiedlichen Kontrastsituationen auf einen Film belichtet und im BTTBmod entwickelt. Man sieht die Gleichmäßigkeit der Entwicklung - quasi eine Entwicklungsautomatik - Negativ für Negativ. Eine sehr gute Lichterdeckelung und Schattenzeichnung bei hoher Feinkörnigkeit und Schärfe.


Agfaphoto APX 100 @ISO 160 entwickelt im Thornton Zweibad modifiziert (BTTBmod) 
Auch lassen sich sehr feine Strukturen sehr gut abbilden
Agfaphoto APX 100 @ISO 160
entwickelt im Thornton Zweibad modifiziert (BTTBmod) 
Hier einige weiter Bilder mit unterschiedlichen Filmen im BTTBmod
von Mia Hopfer, Österreich.

Agfaphoto APX 100







Fomapan 100








Ilford Pan F






Das folgende Bild von Gerhard Hauke, Österreich, zeigt die Feinkörnigkeit und Tonalität mit dem Agfaphoto APX 400 recht anschaulich.






Das folgende wurde mit einer Minox ML auf APX 400 @ ISO 320 gemacht

Noch ein Bild mit Fomapan 400 @ISO 400 von Tomasz Jaczewsk, Polen



Push-Entwicklung mit Zweibad

hohe ISO-Werte ohne Ansteilen

(folgt)